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  Kino Ratingen
Kino Ratingen

Es passiert selten, dass Besucher in der Warteschlange vor dem recht kleinen Kinosaal des Ratinger Kinos sich spontan rechtfertigen oder begründen, warum sie einen Film ansehen wollen. Dies liegt vor allem an dem bis heute sehr kontrovers diskutierten Flüchtlingsthema, bei dem es vielen schwerfällt, eine eindeutige Meinung zu entwickeln. So waren einige Besucher gespannt wie ein so aktuelles Thema wie Flüchtlinge so schnell auf die Leinwand kommen kann, andere wollten vielleicht ihre Haltung zum Thema schärfen, wieder andere wollten nur Lachen und endlich wieder einmal im Kino fröhlich sein, weitere sagten, dass es ihnen nicht auf die Flüchtlinge ankomme, sie wollten nur dieses liebgewonnene alte Schauspielertrio von Berger über Lauterbach bis hin zu Ochsenknecht sehen. Und natürlich einen weiteren Film des Bergersohns Verhoeven. Interessanterweise kann der Film alle diese Erwartungen erfüllen, auch wenn dieser Spagat zwischen Drama und Satire, die Talfahrten zwischen Geist und Gefühl, zwischen Slapstick und dokumentarischer Ernsthaftigkeit viel vom Zuschauer abverlangt und leider oft durch (meist schon voraussehbare Pointen) zum billigen Slapstick verkommt, der dann in der nächsten Szene wieder durch die Ernsthaftigkeit des Themas auf ein Mittelmaß zurückgefahren wird. Selten wurde in letzter Zeit so oft und laut im Kino gelacht bei einem so ernsten Thema wie Flüchtlinge. Das zeigt aber, wie es dem Film gelingt, ganz nah bei den Zuschauern zu sein.

Die Geschichte ist eigentlich einfach erzählt und könnte einer Seifenoper entstammen. Es geht um das soziale Gewissen der Mittelschicht in einer bewegten Zeit . Der alternde Arzt und die pensionierte Schulleiterin leben nun alleine in ihrer etwas in die Jahre gekommenen Ehe und Vorstadtvilla im grünen Geldspeckgürtel von München. Der karrieresüchtige Sohn mit seinem 12jährige Filius und die etwas durch geknallte Tochter, die nichts richtig auf die Reihe bekommt, spielen natürlich in dem Reigen der Beziehungen besondere Einzelgeschichten von Liebe, Beruf und Psychiatrie,(übrigens eine der überflüssigsten Szenen) die sich dann im Laufe des Film bis zum Ende immer mehr – meist recht platt vorhersehbar  – verdichten und am Schluss wird alles gut.

Neben dem alternden Vater (Lauterbach), der durch Schönheitschirurg (Ochsenknecht), junge Frauen auf Facebook, Disco und rote Turnschuhen jung sein will, gibt es vor allem die mit Alkoholproblemen kämpfende Ehefrau (einmal mehr traumhaft gespielt vonSenta  Berger), die sich nicht als ehrenamtliche Deutschlehrerin für Flüchtlinge engagieren kann („Davon haben wir schon genug“). Sie nimmt stattdessen einen jungen Flüchtling aus Nigeria ins Haus, der alleine schon durch sein Aussehen die heile Bildungsbürgerwelt kräftig aufmischt – bis hin zur rechten Fackelwache auf der Straße vor dem Haus und Gegegndemo mit Gewalt, Polizei , Schlägerei, Rauchwolken, Verfassungsschutzdrohnen und Herzinfarkt. Wirklich das volle Programm.

Es gibt aber auch ergreifende Szenen, die ebenso in den Tagesthemen hätten gezeigt werden können, z.B. als der Flüchtlings-Protagonist die Geschichte seiner Flucht in einer Schule erzählt, vor völlig konzentrierten und ergriffenen jungen Schülerinnen und Schülern. Oder wenn das Thema an anderen ernsten Stellen recht akademisch daherkommt, z.B. wenn der schicke junge Arzt weit oben über die Dächer Münchens schaut und etwas oberlehrerhaft sinniert: „Die ganze Krise, in der sich die Bundesrepublik derzeit befindet, führt vielleicht dazu, dass wir hinterher ein bisschen mehr wissen, wer wir sind und wer wir sein wollen.“

Vielleicht gelingt dem Film ja genau dies: Durch die Leichtigkeit Drama darzustellen, so schwarz weiss wie das Zebra, das nach einer überzeichneten Party im Garten steht, oft oberflächlich und ätzend klischeehafte Zielgruppen für ein Thema zu sensibilisieren, das bei vielen noch nicht recht angekommen oder in der eigenen Verdrängungskiste geraten ist.

Am Ende geht man aus dem Film mit dem bekannten weinenden und lachenden Auge und ist sich sicher: Genau so, wie es der Film zeigt, schaffen wir es nicht. Schade, dass es kein Streifen geworden ist, der das ernste Thema durchaus mit Humor und etwas leiseren Tönen behandelt, ohne vieles in Klamauk und billigem Slapstick enden zu lassen.

Aber trotzdem war es schön, einmal den Spiegel eines so ernsten Themas auf so unterhaltende Weise vorgesetzt zu bekommen, wie es sonst nur politisches Kabarett schafft. Und dafür hat es sich dann doch ein wenig gelohnt.