Das Kreuz ist nicht rund und der Ball ist kein Kreuz

„Als der Mensch sich auf die Hinterbeine stellte, tat er schon den ersten Schritt zum Fußballspieler“  schreibt der bekannte englische Autor und Verhaltensforscher Desmond Morris in seinem Buch „Das Spiel –Faszination und Ritual des Fußballs“. Um schließlich von einem guten Sammler zu einem guten Jäger zu werden, musste der Mensch (Mann) eine Reihe körperlicher und geistiger Eigenschaften entwickeln, so Morris: “Gewandtheit und List, Hartnäckigkeit und Ausdauer bei der Verfolgung, Mut und Tapferkeit angesichts der Gefahr für Leib und Leben, die von dem gehetzten Wild ausging. Und schließlich die wichtigste aller Fähigkeiten, mit seinen Jagd- und Spießgesellen gemeinsame Sache zu machen – lauter Tugenden eines Fußballprofis“.

Diese rituelle Hatz als Befriedigung von Urbedürfnissen, wie sie bis heute im Fußball mitschwingen, analysiert der Anthropologe nicht nur als Wissenschaftler, sondern aus eigener Erfahrung. Jahrelang war Morris Direktor des englischen Fußballklubs „Oxford United“ und weiß daher auch, wovon er spricht, wenn sich Woche für Woche bunt verkleidete Figuren in Scharen sammeln, formieren, grölen, singen, Fahnen und Feldzeichen in den Stammesfarben schwingend sternförmig zu einem Ort strömen: Einem ca. 8000 Meter großes Rasenstück, das mit geometrischen Kreidezeichen einteilt ist.

“Im Herzen eines jeden Fußballterritoriums liegt der große Stammestempel, das Stadion, von dem eine solche Magie ausstrahlt, dass ein Stammesmitglied selbst an Tagen, an denen kein Spiel stattfindet, nicht daran vorbeigehen kann, ohne ein sonderbares Gefühl der Erwartung  in sich aufsteigen zu fühlen – eine heilige Stätte von einer Bedeutung, die ein Außenstehender nicht erfassen kann“, schreibt Morris und die Verbindung von Fußball und Religion zieht sich durch die gesamte Fußballgeschichte bis heute.

„SCHALKE unser im himmel, verteidigt werde dein name. dein sieg komme. wie zuhause, so auch auswerts. unseren übligen heim sieg gib uns immer. und gib uns das „ZU 0“, so wie wir dir geben die unterstüßung. und nimals vergib denen aus der nähe von DORTMUND. die wie wir denen auch nie vergeben werden. und führe uns stehts ins FINALE. den dein ist der SIEG und die MACHT und die MEISTERSCHAFT in EWIGKEIT / ATTTAKE!!!!“ (Originalzitat inklusive Orthographie aus dem Netz/ http://www.arche-internetz.net/viewtopic.php?t=2155&start=45 )

Dieses umgeschriebene christliche Gebet singen die Fußballfans oft als ihre Hymne bei den Spielen ihres Vereins im Stadion, kommentiert von einem jungen Fan im Internet: “Geil! Nicht so langweilig wie das Vater Unser!“

Obwohl laut UEFA-Regularien religiöse Gesten und Zeichen auf dem Feld nicht erlaubt sind, sprechen die Parallelen von Religion und Sport hier eine eigene Sprache: Der „Fußballgott“ spielt mit der „Hand Gottes“ auf dem „heiligen Rasen“, während der Trainer in seinem „Tempel“ sitzt und der Unparteiische wie „Glockenklang“ pfeift. “Der feierliche Einzug der Spieler, die antiphonalen Gesänge beim Vorstellen der Spieler, die liturgische Fankleidung: Schal statt Pallium, Zipfelmütze statt Mitra, die Fahre statt Tragekreuz – all das wirkt liturgisch“ (Merkt 2006 Zitat aus: Abseits-Religion. Fußball als Religionsersatz? Mike S. Schäfer & Mathias Schäfer http://www.ipmz.uzh.ch/Abteilungen/Wissenschaftskommunikation/Personen/Schaefer/4_13.pdf)

Die Fans pilgern samstags in langen Prozessionen singend zum Tempel, um in hoher Gruppenzugehörigkeit Momente der Freude und des Leides zu teilen, das Gute und das Böse, das Heil und den Untergang, um ihre begnadeten Helden wie Heilige anzubeten, feiern oder verdammen. Trikots und Autogramme werden wie Reliquien verehrt. Auch die zeitliche Strukturierung durch Spielplan, den Samstag als Spieltag und weitere Fanaktivitäten ähneln der Ritualisierung durch religiöse Feste oder Sonntagesliturgien. Der Sonderstellung des Sonntags für Christen entspricht für Fußballbegeisterte in der Regel der Samstagnachmittag: „Die Spieltage am Wochenende sind der Fixpunkt, von dem aus ‚echte’ Fans planen bzw. die Chronologie von Ereignissen bestimmen.“ (Franke 1991)

Aloys Behler schildert den orgisatischen Moment des Spiels: „Höhepunkt des Rituals ist immer und überall der gelungene Torschuß. Nichts im Fußball ist dem Augenblick vergleichbar, da der Ball ins Netz fährt. Tore haben ihre eigene Legende…“ und schreibt , wie zentrale Weltmeisterschaftstore (Rahn 1954, Emmerich 1966, Uwe Seeler 1970…) bis heute Fans in einen Zustand unübertroffener Trance versetzen und Spieler zu Kultfiguren erhöhen, wie z.B. Pele. Ein Gedenkstein in Rio de Janeiro erinnert an sein tausendstes Tor, die Kirchenglocken läuteten, Feuerwerkskörper explodierten unter dem frenetischen Applaus von über 200000 Zuschauern bei der triumphalen Stammesfeier (Obwohl das ganze nur manipuliert war)(http://www.zeit.de/autoren/B/Aloys_Behler/index.xml)

Und die Spieler selbst? “Einmal in der Woche zieht der Fußballkrieger in die Schlacht der neunzig Minuten, für die Zwischenzeit wünscht er sich ein ruhiges Plätzchen und ein liebend Weib, das seine Wunden pflegt. So ist es im Stamme eigentlich immer die Sitte gewesen“ schreibt Behler und bemerkt weiter: “Der Held hat es freilich auch nicht leicht, lebt er doch in einem beständigen Rollenkonflikt. Einerseits muss er, will er persönlichen Erfolg haben, als Individuum brillieren, die Stammesgenossen ausstechen oder übertrumpfen, andererseits kann er nur Erfolg haben, wenn er sich ins Teamwork einordnet und mannschaftsdienlich spielt. Dem Stammeshelden wird einiges auch an geistigen Dribbelkünsten abverlangt, soll die Symbiose von egozentrischer Selbstsüchtigkeit und selbstlosem Mannschaftsgeist gelingen.“

Diese endorphinreiche, rauschhafte Grenzerfahrung, egal ob beim Spieler oder Fan z.B. bei einem Tor, das zur Weltmeisterschaft führt, dieses Erlebnis der Transzendenz ist auch Teil jeder Religion, bei der der Gläubige z.B. im Gebet oder beim Abendmahl die Epiphanie, also die Erscheinung des Göttlichen erleben will, kann oder erlebt.

Auch wenn sich in diesem Moment neben den Parallelen äußerer Rituale Religion und Fußball zu ähnlicher Seinserfahrung führen können und es weitere Schnittmengen z.B. in der sozialen Funktion der Religion, Riten, Zeichen usw. für Menschen gibt, unterscheiden sich beide grundlegend.

Fußball hilft vielen zwar zu innerem Gleichgewicht, Kommunikation, Selbstwertgefühl und vielleicht auch körperlicher Gesundheit, er beantwortet aber keine existentiellen Fragen. Der Fußball macht somit Sinn, kann aber nicht sinngebend sein. Er kann einen hohen Wert darstellen für den Einzelnen, für die Gruppe oder die Gesellschaft, er ist aber kein Wertesystem für Dasein.

Er ist Mittel zum Zweck, z.B. sich zu beweisen, zu gewinnen oder mitzuleiden, er ist aber nie Zweck selbst. Er kann Welt und Leben nicht erklären.

Er ist hochgradig körperorientiert und hat zu einem Körperkult geführt, der die ausschließt, die dem z.B. durch Behinderung nicht folgen können oder wollen. In einer Zeit wachsender Sinnentleerung können viele den Sport wie Fußball als ihre Ersatzreligion begreifen, werden aber merken, dass existentielle Momente von Schmerz, Verzweiflung und Trauer, Glück und Hoffnung weder durch das Kickern noch den Besuch im Stadion nur in Ansätzen ersetzt werden können.

Das Kreuz ist eben nicht rund und der Ball ist kein Kreuz.

http://blog.br.de/woran-glauben/2014/06/12/gott-im-abseits-fussball-als-ersatzreligion/ http://www.zeit.de/online/2007/08/fussball-und-religion https://marginalie.hypotheses.org/473

C Text  / Troesser Quelle: Das Spiel – Faszination und Ritual des Fußballs/ Droemer Knauer Bildzitat und Textzitate Aloys Behler: Zeit Magazin Nr.41 / 2.Oktober 1981