Der Moment als Motiv

Zwischen Ratingen Homberg und Ratingen Hösel auf dem Land lebt Martin Timm. Er ist Fotograf und hat sich schwerpunktmäßig mit Natur- und Architekturfotografie beschäftigt.
Vor drei Jahren hatte er dort ein Erlebnis, das ihm wichtige, neue Impulse für seine fotografische Arbeit ermöglichte. Zu Hause fiel ihm beim Büchersortieren ein Buch zaghaft auf die Füße. Es war ein Bändchen über Miniaturen, d.h. kurze Gedichte (Haiku) aus dem alten Japan, dem er bisher kaum Beachtung geschenkt hatte. Wie von einem Musenkuss ergriffen, ließ er sich auf diese „drei eleganten Zeilen voll stilistischer Empathie“ ein und  spürte, nachdem er sich stark in die japanische und ostasiatische Philosophie vertieft hatte, dass man die Form der Reduktion, z.B. durch einen einzigen Atemzug die gesamte Atmung darzustellen, auch auf sein Medium, nämlich die Fotografie, übertragen und entsprechend anwenden kann.
Im Japanischen sind Haiku kurze Gedichte, lyrische Miniaturen, in denen man versucht, nicht ein Es abzubilden, sondern einen Prozess in der Zeit, fokussiert auf wenige Zeilen des jeweiligen Momentes. So wurden sie z.B. oft bei der Begrüßung spontan formuliert, um dadurch dem Gegenüber Wertschätzung auszudrücken.
Die darüber stehende Grundidee ist das sogenannte WabiSabi, ein fernöstliches ästhetisches Prinzip, bei dem es nicht um die Schönheit makelloser Frische geht, sondern um die Schönheit als Zeichen erlebter Geschichte oder dem Schönen im Leisen.
Martin Timm ist weder Buddhist, noch Guru oder Besserwisser, der einen überzeugen möchte, sondern immer noch professioneller Fotograf, dem es mit der Zeit gelang, Haiku zu verstehen und zu formulieren – hierzu nutzt er seine Kamera. Entsprechend hat er die „Haiku Naturfotografie“ entwickelt, einen neuen Ansatz der Fotografie, den er konsequent weiter verfolgt, lehrt und veröffentlicht.
An all das hatte er noch nicht gedacht, als ein anderes Erlebnis seinen Lebensweg schon früh bestimmte. Es war eine Agfa Box. Er ist in der Nähe von Hamburg in einem Dorf aufgewachsen. Erst der einfache Fotoapparat der 50er Jahre, den seine Großtante ihm schenkte, hat ihn derart fasziniert, dass er letztendlich den Weg als Fotograf eingeschlagen hat, einen Weg, den er bis heute konsequent geht.
Nach einer Ausbildung bei einem Fotografen alter Schule in Ratzeburg lernt er in der Fotoschule Kiel die Grundlagen, die er dann in Köln durch ein Studium des Fotoingenieurwesens maßgeblich erweitern konnte. Mit immer besserer Technik das Optimum aus einem Bild heraus zu holen, war da sein höchstes Ziel. Grundlage dann für eine erfolgreiche Karriere als Fotograf.
Neben der handelsüblichen, ästhetischen Perfektion interessierte sich Timm aber seit Anbeginn für Experimente, kreative, außergewöhnliche Nutzung des Fotoapparats, um künstlerische Projekte zu schaffen. Wie z.B. bei dem Projekt „Der Apokalyptische Gummibär“. Hier versucht er den ständigen Untergang und die permanente Erneuerung symbolisch über das Bild sichtbar zu machen. Dies nicht im Großen, sondern eher im Kleinen anhand von Alltagsgegenständen, um so neue Ansätze des Sehens beim Zuschauer zu ermöglichen.
 
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Der Schritt von dem herabfallenden Buch mit den kurzen lyrischen Zeilen hin zu ähnlichen Experimenten mit der Kamera, war für den Kreativen Timm nicht mehr weit. Er wollte und will mit dem Objektiv nicht das fixierte „schöne“ Objekt ablichten, sondern eben auch den Moment, das Vergängliche, das, was eben noch war, aber dann schon nicht mehr ist, eben am intensivsten bisher in den Haiku Japans umgesetzt.
Diese Form der Vergänglichkeit vom Gestern zum Morgen findet Timm am besten darstellbar in der Natur. Hier begegnet er diesen kurzen Abläufen am intensivsten – und hier hat er begonnen, sie durch Fotografie, auf einem Blatt darzustellen : „Alles bewegt sich. Man sieht, wie sich alles verändert, z.B. der Grashalm, den der Wind trägt“.   Das entsprechende Haiku hierzu könnte zum Beispiel lauten: „Heute morgen – fällt das erste Blatt – ab“.
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Martin Timm möchte nicht den Zeitpunkt festhalten und ablichten, sondern Zeit und Raum in seinen Fotos ein Bild geben. So entsteht der Moment als Motiv. Raum und Zeit werden zu einem eigenen Konstrukt, eine lyrische Form der Verdichtung von Zeit.
Er nennt es: „Die Emanzipation vom Motivs, der Schlüssel hierbei ist nicht der Inhalt des Bildes“.  Dadurch hat er für sich eine neue Dimension des Sehens und Ablichtens erreicht.
Und die Ergebnisse können sich im wahrsten Sinn des Wortes sehen lassen, oder sollte man eher sagen: “fühlen“ lassen?
Bei dem Fotografen Timm haben die Ergebnisse eine ganz besondere Ausprägung, die er in zahlreichen Workshops mit großem Erfolg weitergeben konnte.
Haiku-Buch Mock-Up
In seinem Lehrbuch: “Haiku fotografieren. Ein neuer Ansatz für die Naturfotografie“ ist es ihm durch eine perfekte Kombination aus  Bilddarstellung,  Tipps und philosophischer Hintergründe gelungen, eine lesbare Form für dieses komplexe Thema zu finden.
Dem Betrachter der Fotos hier oder im Buch  wünsche ich die Zeit, sich auf die Zeitlichkeit der Abbildungen einzulassen, dem Fotografen Martin Timm und seiner immer größer werdenden Gemeinde noch viele Motive, in denen er die Zeit darstellen kann. Letztlich auch als Symbol für Vergänglichkeit und Endlichkeit.
Einmal mehr ist der Kurat begeistert davon, welche Potentiale, welche interessante Menschen in und um Ratingen leben, schaffen und arbeiten. Wenn der geneigte Leser einen solchen kennt, kann er dies den KuRat  wissen lassen. Vielleicht findet jener dann auch eine kleine Bühne im Blog.
Mail: timmfotografien@aol.com
Web: http://timmfotografien.de/
Buch: „Haiku fotografieren Ein neuer Ansatz für die Naturfotografie“ 2016 Fotoforumverlag                                                                    ISBN: 978-3-945565-01-8/ 29,90 €
C Fotos: Martin Timm

C Openerfoto: Brigitta Petershagen

C Blogbeitrag Text Michael Troesser