Die Hexe der Farben

Wenn man Erika Maria Riemer-Satory mit ihrem bunten Top, den blonden Locken und verschmitzten Lächeln im Museum Ratingen vor ihren Werken sieht, kann man sich einfach nicht vorstellen, dass sie in ihrem großen Atelier in Düsseldorf wie die alten Meister Farben selbst herstellt, in Farbe und Wasser „matscht“, zig Lappen verschmiert, mit Pigmenten arbeitet, die sie in einen farbigen Nebel tauchen und gleichzeitig präzise und perfekt wie eine Handwerkerin eigene Holzkisten und riesige Leinwände baut, die sie selbst nicht mehr alleine tragen kann. Hexenküche haben Besucher liebevoll ihr Atelier genannt. Wer ist diese „Hexe“ der Farben, was macht sie für Arbeiten?

Das letzte Künstlergespräch 2016 der „Freunde und Förderer des Museum Ratingen e.V. fand am 13.12.16 mitten in dem hellen, lichtdurchfluteten Museumsraum der Riemer-Satory Ausstellung: Licht-Farbe-Stofflichkeit vor einem kleinen Kreis Kunstinteressierter statt.

Das Gespräch führte Roswitha Riebe-Beicht, selbst Künstlerin aus Ratingen, die ihre Kollegin seit vielen Jahren kennt und schätzt. Um es vorweg zu sagen: Die zum Teil großformatigen, oft monochromen Arbeiten der Künstlerin erschließen sich einem nicht sofort. Umso wichtiger und befriedigender ein Gespräch mit der Künstlerin selbst darüber, damit sich so ein neuer, spannender eigener Zugang entwickelt.

   
   

Und je mehr sich das Gespräch formte, übrigens zu großen Teilen von Riebe-Beicht auch inhaltlich bestimmt, um so mehr wurde einem klar: Die auf den ersten Blick recht karg daherkommenden bunten Werke sind alles andere als karg. Im Gegenteil. Es sind zum Teil stark strukturierte Farbflächen, die durch Licht immer in Bewegung sind. Schatten verändern sich, plötzlich wird eine Fläche besonders vom Sonnenlicht betont. Dies ist vor allem durch die aufwändige Konstruktion der Künstlerin möglich: Sie arbeitet in vielen Schichten, z.T. mit Leuchtfarben, was dazu führt, dass man denkt, die Bilder hängen nicht an der Wand, sondern sie schwebten vor der weißen Fläche. Spannend hierbei ist, dass es einerseits sowohl klar strukturierte Flächen gibt, wie z.B. die roten Linien nebeneinander, oder aber genau das Gegenteil: Farbige Verflechtungen, die einen an einen Perserteppich ebenso erinnern können wie an die Wüste Gobi. Aber genau diese Ambivalenz zwischen harter Struktur und weicher Form, zwischen Matsch und Holz macht die Künstlerin aus, die von sich selbst sagt, ihre Kunst sei Kopf und Bauch gleichermaßen. (Bauchgeburten) Entsprechend geht es ihr mehr um empfinden als um verstehen. Und einen interaktiven Kampf mit Farbe und Form. 

 

 

Sie selbst, die von sich sagt, Künstlerin kann man nicht werden, Künstlerin ist man, hat nach einer dreijährigen Designerausbildung ( FH Düsseldorf ) an der Kunstakademie Düsseldorf bei Professor Siegfried Cremer studiert. Seither hat sie verschiedenste Phasen ihres künstlerischen Schaffens durchschritten, von der gegenständlichen über die informelle und konstruktive Phase nun zu ihrer „eigenen Phase“, die sie seither konsequent fortführt und weiterentwickelt.

Allen Phasen gemein ist das Thema Natur. Anfang der 1990er Jahre ging sie nach Bali und ließ sich begeistern von Farben, Licht und Naturlandschaft.

Bis heute ist sie angetan von der Welt, z.B. wenn sie im Flugzeug sitzt, aus dem Fenster schaut und unten „Die Haut der Erde“ sieht: Ob als Wüste ebenso wie als Gebirgszug. Dieses Faszinosum findet man dann in ihren Werken wieder, wenn man sich darauf einlässt, sich Zeit nimmt und nicht denkt: Was hat sich der Künstler dabei gedacht, sondern was fühle ich, wenn ich dieses Bild-Fühlen zulasse.

Denn auch sie sagt: Ich möchte die Farbe beherrschen, aber die Farben beherrschen mich. Mit anderen Worten: Nicht sie malt, sondern es malt sie. Wenn man das auch für sich selbst erreicht hat: Nicht ich sehe die Bilder, sondern die Bilder sehen mich, hat man ein interaktives Stadium zwischen Werk und Betrachter erreicht, das dann mit Recht als Symbiose zwischen Künstler, Werk und Betrachter bezeichnet werden kann.

 

 

Sicher kein einfacher Prozess der Verschmelzung. Ist er aber erreicht, geht man nach Hause mit dem Gefühl, der Blick auf die Bilder, der Abend, das Gespräch und das Einlassen auf Künstlerin und Werk haben sich gelohnt.

Und wenn all dies eben nicht mit einer abgehobenen, über den Pinseln schwebenden Künstlerin geschieht, sondern mit einer bodenständigen, offenen und „normalen“ Frau, mit der man gerne mal ein Glas Wein trinkt. Dieser Hexe der Farben wünsche ich noch viele Lappen und Pigmente für Ihre Kreativität.

C Interview Fotos/Text Michael Troesser