Die alte Frau und das Mehr / Teil 2

Dabei sind die Inhalte, die die Maschine der alten Frau präsentiert, austauschbar. Mehrere Stunden monotones Tennis oder Fußball werden ebenso stumm konsumiert wie Werbespots, Nachrichten, Gottesdienste, Spielfilme, Serien, Kammermusik, Ratgebersendungen, Kammermusik oder das Testbild. Und selbst wenn es nur flimmert, wenn sich die Sprache der Bilder aufgelöst hat und in ein bewegtes Rauschen zerflossen ist, lässt sie die Maschine für sich laufen, besteht diese geheimnisvolle Beziehung zwischen ihr und dem Programmkino Welt. Mit oder ohne Programm.

Durch diese Unmöglichkeit nicht zu sehen ist sie permanent überbelichtet und merkt nicht, wie sehr sie dabei selbst zusehends mehr verdunkelt. Ihr Hirn ist mit Bildern zugestopft, die langsam verfaulen und ihr die letzten Windungen verstopfen. Die Fülle kann sie nicht mehr verarbeiten. Das ständige beredet werden hat sie stumm gemacht. Die Bildflut halbblind. Dennoch kann sie den Blick nicht abwenden, obwohl sie sich auch nicht ganz hinwendet. Sie schwebt in einem elektro-optischen Zwischenraum, der einer Droge gleicht. Dieser Nebel im Rausch der schnellen Bilder ist ihr zur einzig lebbaren  Daseinsform geworden.

Die Ritualisierung dieses Zwangsmechanismus in ihrem Alltag hindert sie daran, einmal darüber nachzudenken. Eingeklemmt im Sehzwang hindert sie sich selbst, Alternativen zu entwickeln. Sie vertraut ihr Leben der Bildmaschine an und fühlt sich in dem Theater gut aufgehoben. Da sie sich nicht selbst bewegen muss, bewegt sich langsam gar nichts mehr in ihr und dennoch hat sich durch die bewegten, bewegenden Bilder vor sich selbst das Gefühl, es würde sich noch viel bewegen.

Während sich auf den Straßen die Menschen ihren Mobilmaschinen hingeben, ist sie zur starren Säule geworden, um die die Bilder tanzen. Dieses „optische Vorbeirauschen“  (Paul Virilio) hört nicht mehr auf. Es ist zur Grundbedingung ihres Lebens geworden, zu einer Art Grund-Rauschen, ohne dass der Raum dunkel ist, die Einsamkeit unerträglich wäre. Durch das Bild-Fenster hat sie das Gefühl, teilzuhaben am Ganzen. Sie fühlt sich geborgen und sicher in dieser Welt zwischen Realität und Fiktion. Grade diese Grenzlinie gibt ihr den Reiz, wie die Grenzlinie zwischen Traum und Wirklichkeit.

Es kann sich immer nur eines bewegen:  Das Bild oder der Betrachter. Bewegen sich beide, wird Wahrnehmung kaum mehr möglich. Die Frau sitzt in ihrem Sessel wie vor einem sich schnell drehenden Glücksrad auf der Kirmes, das sich immerzu dreht, an das man die Glückserwartung eines Gewinns heftet, dessen vorbeirauschende Bilder nicht mehr identifiziert werden können. Und nicht müssen! Und von denen man nicht weiß, dass man nichts gewinnen wird außer den heilsamen Totschlag der unerträglich langen Zeit. Bildgetummel als Zeitkompressor.

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Folgt man Virilio, so erleidet die Frau auf Dauer eine „Enteignung des Blickes“. Ihr wird so nicht nur die verbleibende Lebenszeit ihres folgenden Lebens von morgens bis abends gestohlen, sondern darüber hinaus auch noch ihr Schauen nach draußen, ihr Gespräch mit den Enkeln oder die banale, wichtige Stille des Raumes. Durch die Enteignung des Blickes folgt eine Enteignung ihres Seins. Sie hat sich bereitwillig und gleichsam unbewusst einer fremden Quote übereignet, deren anonymes Teilchen sie geworden ist.

Es ist eine visuelle Verwirrung und Enteignung eingetreten, die von der Frau als das genaue Gegenteil empfunden wird. Das ist das Paradoxe:  Es wird ihr genommen und sie empfindet es als Geschenk. Als Gewinn. Alles geschieht freiwillig, alles geschieht ohne Zwang, oder sollten wir besser sagen: Es geschah freiwillig, es geschah ohne Zwang? Sie selbst setzt die Bildmaschine Tag um Tag in Gang, ohne die sie nicht mehr leben kann. Hier erinnert sie uns an die Nonne, die sich freiwillig und kraft ihrer eigenen Entscheidung dem Kreuz eines langen Klosterlebens unterwirft und gerade diese Enge aus ihrem Glauben heraus als Heil, das Kreuz als Geschenk, den Weg der Entsagung als Gnade empfindet.

Fortsetzung folgt
C Bilder/Text Michael Troesser