Die alte Frau und das Mehr / Teil 3

Am Anfang war nicht das Wort, am Anfang war das Bild. Am Ende ist das Bild. Dazwischen nur bewegte Bilder als Labsal des Alltäglichen. Für die Frau ist die Maschine zu einem Gott, das Sehen zu einer Religion bewegter Bilder geworden. Sie pflegt ihre Seh-ecke wie früher ihre Eltern den kleinen Altar mit Heiligenbildern und Devotionalien. War früher der Rhythmus des Alltags durch religiöse Riten bestimmt, durch Morgengebet oder der Angelus Dei am Mittag, wenn die Bauern auf dem Feld innehielten, so ist es jetzt die Bildmaschine, die der Frau nicht nur Sinngebung sichert, sondern vor allem ihren Alltag rhythmisiert. Sie schaut nicht auf die Uhr, sie erkennt an der Melodie der Serie oder dem Signal der Nachrichtensendungen die Zeit und richtet sich entsprechend ein. Ihre Uhren sind seit langem stehen geblieben, sind sie für die Frau doch zum lästigen Überbleibsel einer alten Zeit geworden.

Durch die Maschine hat für die alte Frau das Wort Glaube eine neue Bedeutung bekommen. Früher hatte sie an den unsichtbaren, großen, allmächtigen Gott geglaubt, der ihr Leben von der Geburt bis zum Tod begleiten würde, vom Anfang bis zum Ende eines jeden Tages. Glaube wurde zu einer sicheren Gewissheit, mit der die alte Frau gut leben konnte. Sakramente, Sünde oder Buße waren ihr zu gesetzten, lebensbestimmenden Größe geworden.  Den Rest erfuhr sie durch Volksweisheiten, Resten elterlichen Vorbilder und einem Allgemeinwissen.

Durch die Maschine muss sie nun nicht mehr an den allmächtigen, allwissenden, allumfassenden unsichtbaren Gott glauben, denn plötzlich hat der Glaube, ja letztendlich auch Gott ein Gesicht bekommen, ist so zu einer noch sichereren Gewissheit und Wahrheit geworden als ihr früherer Glaube. Durch diese „Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit“ der Medien sieht der Medienwissenschaftler Norbert Bolz einen „Religionsersatz“.

Hörten früher die Menschen in abgedunkelten Kirchen die Predigten von der Kanzel und gerieten dabei mit halb geöffneten Augen in diesen Zwischenraum zwischen Tran und Traum, schauten alle in eine Richtung, lauschten, ohne hinzuhören, wurden bei der Kommunion oder dem Gebet eins mit dem Allmächtigen, so sind heute alle Schüsseln und Antennen in die Richtung der allmächtigen Ansprachen gerichtet. Die Moderatoren, Anchormen, Talkmasterinnen oder Nachrichtensprecher plappern um den heiligten Gral und geben der alten Frau ebenso das Gefühl teilzuhaben an der großen Gemeinde Welt, ohne eigentlich teilhaben zu müssen. Kommunio  medialis.

Nonne seilt sich abNonne seilt sich ab / Objekt Troe

Funkzeitungen, in denen der Ablauf steht, gleichen den Gebetbüchern, die die einzelnen Gottesdienste bestimmen. Serienhelden mit ihren Dramen und Liebschaften werden zu emotionalen Bezügen, deren Geschichten sie aufsaugt, als läse sie in der Bibel. Alles, was sie sieht und selbst nicht mehr leben muss oder will nimmt die alte Frau willkommen als Fremdleben an.

Das Ende einer Serie, das Ende eines liebgewonnenen Schauspielers erzeugt der alten Frau einen Schmerz, als sei ein alter Freund oder heimlicher Geliebter verstorben. Eine Trauer, die nur durch weiteres Hinsehen kompensiert werden kann. Ich sehe, also bin ich. Ich schalte ab, also sterbe ich.

Je mehr sich in dieser Hinwendung der alten Frau das Bild zum Eigentlichen emanzipiert, auch wenn die Inhalte austauschbar sind, umso mehr wird die alte Frau abhängig und entfremdet. Umso weniger bleibt sie sie selbst. Je mehr das Bildmeer ihr als Mehr-Bild eine Gestaltung vorspielt, um so weniger kann sie selbst noch gestalten. Dabei ist sie genügsam in der Fülle der vorbeifliegenden Tempobilder geworden, bescheiden in der Vielfalt. In dem Gefühl, immer mehr zu bekommen, wird sie gleichsam entleert.

Bei all ihren Beziehungen zu den Vorspielern, deren Geschichten sie in ihren Träumen weiterträumt, vereinsamt die alte Frau zusehends, ihr Herz wird irgendwann enger und ihre Hoffnung hat sich irgendwann in das Gegenteil verkehrt.

Einmal kommt die alte Frau ins Krankenhaus. Hier ist sie gut aufgehoben. Hier wird sie von weißen Helfern umsorgt von morgens bis in die Nacht. Hier hat die Frau eine Bettnachbarin als Gesprächspartnerin.

Doch schon am ersten Tag fordert sie: “Schwester, machen Sie die Maschine an!“ Sie wusste nicht wohin mit ihren Augen. Dann endlich haben diese Augen wieder einen sich schnell bewegenden Ruhepol gefunden. Die Maschine flimmert tonlos von der Wand. Zwei Tage dauert es bis die alte Frau merkt, dass es Ohrhörer gibt. Seitdem liegt sie da, die Hörer über dem Kopf und selbst wenn die jüngeren Generationen sie besuchen kommen, schaut sie kaum von der Maschine weg, hört sie kaum hin, weil ihr Mediengott kaum näher zu ihr sprechen kann, als unmittelbar am Ohr. Hier hat sie ein ähnliches Gefühl der Nähe wie damals, als Gott in Form der Hostie während der heiligen Kommunikon in sie gekommen ist.

Dann stirbt die alte Frau. Doch nicht an einer körperlichen Krankheit, sondern an einer seelischen. Die jahrelangen Bilder haben der Frau sämtliche Regungen genommen, der letzte Sinn für eine Realität wurde durch das Mehr der bewegten Bilder verwischt, dann aufgelöst. Doch die alte Frau empfindet dabei keine Angst, kein Drama, war sie doch schon lange Teil dieser großen Maschine geworden deren Heilversprechen nicht im Jenseits nach dem Jammertal Erde lagen, sondern in der diesseitigen, täglichen Teilhabe am Ganzen

Man findet sie eines Tages auf ihrem Sessel, während gegenüber die Maschine irgendein Tennismatch überträgt, bei dem sich der Star in die Augen und Herzen der Zuschauer spielt und gewinnt.

Draußen läuten irgendwo Glocken. Aus einer anderen Maschine.

C Foto/Objekt/Text Michael Troesser