Große Gefühle im kleinen Theater

 

Zugegeben, ich war durchaus skeptisch, als er die Karten für das Gospelkonzert der New York Gospel Stars im Stadttheater Ratingen geschenkt bekam. Gospel  ist für den eher religionskritischen Menschen ein bisschen viel Halleluja und Jesus. Hat doch Gospel seinen Ursprung in der Sklaverei (um 1850) und ist eine Kombination aus Arbeiter- und Kirchenlied (Psalmgesänge). Gospel hat sich im Laufe der Jahrhunderte natürlich als Musikrichtung immer weiter entwickelt (Soul, Funk, Hip Hop, Reaggae usw.), dennoch bleibt sie eine lebendige, positive christliche Musik.

Auch an diesem Abend fällt wieder auf: Wie vor fünfzig, vor Hundert Jahren ist die Botschaft immer die gleiche: Frieden und Liebe für alle, eben eine Botschaft, die z.B. die 68er mit ebendiesen Gospelsongs wie „We shall overcome“, „O when the saints“ oder „Oh Happy day“ schon als Kult gefeiert haben.                                                                                    Scan_20170112 (4) - Kopie - Kopie

Damals wie heute ist es angesichts von „Terror bis Trump“(Zitat) beruhigend, einen sicheren Hafen zu haben – und wenn auch nur in dem Gemeinschaftsgefühl der Musik. Für die Deutschen scheint diese Sehnsucht besonders stark ausgeprägt zu sein: Die New York Stars  haben in Deutschland ihre achte(!) Tournee gestartet und geben vom 16.12. 2016 bis 12.März 2017 sage und schreibe 76 abendfüllende Konzerte, in Großstädten wie München, Hannover und Nürnberg ebenso wie in Hilden, Velbert und eben Ratingen. Der allergröße Teil der Konzerte findet  in Kirchen statt, ob in Dresdens Nikoleikirche  oder der St.Michaeliskirche (Michel) in Hamburg. In die Kirchen gehört das Konzert ja auch eigentlich hin, heißt es in der Ankündigung ja: „Freuen Sie sich auf ein Konzert der Extraklasse, das Ihren Geist wecken, Ihren Glauben stärken und ihr Herz berühren wird.“  Craig Wiggins

 In den engen Reihen des Stadttheaters in Ratingen hatte es diese Berührung anfänglich etwas schwer, obwohl die Stimmgewalt, vom tiefsten Bass bis zum allerhöchsten Sopran sofort alle Ohren in ihren Bann zog. Vor allem der Frontman Craig Wiggins, der durch den Abend führte, bot ein Stimmvolumen, das man so selten gehört hat. In USA ist er wirklich ein „Star“, der schon zusammen  mit Aretha Franklin, Stivie Wonder und Justin Timberlake gesungen hat.

Scan_20170112 (3) - Kopie - Kopie - KopieGospel lebt auch von der Beteiligung des Publikums, also dem Mitklatschen, Mitseingen, Winken usw. Dies gelingt anfänglich in den engen Theaterreihen nur schwer, doch nach und nach ziehen die Stimmen und die Performance die meist weiblichen, viele über 50 Jahre alten, Zuschauer in ihren Bann. Dies vor allem nach der Pause, als alle Sänger und Sängerinnen umgezogen auf die Bühne kamen, die Frauen z.T im kleinen Schwarzen und die Männer im roten Glitzersackko, um dann noch einmal das letzte Stück Volumen aus ihren Lungen zu holen, um es mit den Stimmbändern zu paaren.  Latoya Duggan

Die dann hier präsentierte Leidenschaft, gekoppelt mit einzigartigen (leider z.T. etwas laut ausgesteuerten) Musikarrangements, mit Freude und umwerfender Performance hielt zum Schluss wirklich keinen mehr auf den Sitzen. Selbst jemand wie der Kurat, der sich bei solchen Klatschaufforderungen normalerweise schwer tut, verdrängte die Liedtexte und ließ sich hinweg tragen in diese Welt der Melodien, Rhythmen und der Fröhlichkeit.

Später dann konnte man mit seinen Lieblingssängern noch ein Selfie machen und ging beseelt aus dem kleinen Theater mit dem Gefühl bei aller Skepsis doch einen wunderschönen, großen Abend erlebt zu haben.

C Bilder: Programmheft / Text:  Michael Troesser