Buchbesprechung : Zu Fuß durch ein nervöses Land

Jürgen Wiebicke ist Radiojournalist, Philosoph und Schriftsteller.  Der 55jährige Kölner moderiert neben dem „Philosophischen Radio“ u.a . im WDR die Gesprächsendung: “Neugier genügt“, bei der er Menschen behutsam aber bestimmt öffnet und ihnen so eine Bühne gibt, um ihre Besonderheit darstellen zu können.

Mit dieser Neugier hat er sich im heißen Sommer 2015 von Köln aus vier Wochen lang zu Fuß auf den Weg gemacht, um dieses Land NRW, deren Orte und Menschen unmittelbar zu erkunden. Kein Jakobsweg mit festem Ziel, sondern im Gegenteil: Einfach losgehen, der Nase nach, aufs Geratewohl. Dabei macht er außergewöhnliche Erfahrungen, hat viele zufällige Begegnungen mit Menschen, vor allem aber das Gefühl, einen Nahraum zu erkunden, deren Details einem selbst mit dem Fahrrad nicht aufgefallen wären. Die man in dieser Intensität und Unmittelbarkeit bisher noch nicht erlebt hat. Oder die Augen davon geschlossen hat.

 Diesen Weg zeichnet er in seinem Buch “Zu Fuß durch ein nervöses Land“ so plastisch und gleichsam tiefgründig nach, dass man meint, mit ihm zu gehen und seine Meinung mit der eigenen spiegeln zu müssen. Der Zufall als Möglichkeit des Seins spielt für ihn dabei eine besondere Rolle.

Sein Weg führt von Köln aus über Dormagen und  Neuss zum Niederrhein nach Knechtsteden, Kevelaer, Xanten, Krefeld, Bocholt, Coesfeld bis Billerbeck und Münster, über Herne, Gütersloh, Essen und Dortmund nach Wesel und Bielefeld, von wo aus er mit dem Zug zurückfährt. In dem Buch beschreibt er jeden Tag seiner warmen Sommerreise und beginnt ihn mit jeweils einem prägnanten Satz vom Tage aus einer Zeitung, um dann sein Tagespensum, seine Erfahrungen, seine Gefühle, vor allem aber seine Begegnungen zu skizzieren, die er dann mit hintergründigen Gedanken vertieft.

 20170130_212816 - KopieSpannend auch der Besuch zweier Klöster, wo er sich mit den wenigen verbleibenden Mönchen unterhält und eine andere, entschleunigte Seite der Gesellschaft erlebt, die auch gestresste Manager zu selbstfindenender Entspannung besuchen.

Daneben die viele Zufallsbegegnungen, z.B. mit einem Angler im Regen, vor allem aber auch Bauern, immer wieder Bauern, die um ihre Zukunft bangen. Oder lässt sich darauf ein wie es ist, als Flaschensammler in Dortmund zu leben.

Denn eines wird Wiebicke auf seinem langen Weg immer mehr klar: Wir leben in einem Land, das er „nervös“ nennt. Viele erleben dramatische Veränderungen, viele sind verunsichert und wissen nicht, wie unser Land und ihre Existenz in fünf Jahren aussehen werden. Und hierbei erlebt er einen eklatanten Unterschied zwischen Stadt und ländlicher Region, wo es eine Form zunehmender Einsamkeit empfindet, wenn in kleineren Städten fast alle Kneipen geschlossen sind und der demografische Wandel sein übriges tut.         “Wir sind mit sozialem Optimismus großgeworden“ schreibt er und findet sich in einem Land, wo soziale Ungerechtigkeit einen eklatanten Riss zwischen Reich und Arm durch die Gesellschaft erzeugt hat. Aus Waren werden Almosen“ schreibt er, wenn er vor den unzähligen Lebenmnittel-Tafeln oder Sozialwarenhäusern mit ihren Secondhandwaren steht.

Das Buch lebt aus der Spannung der unterschiedlichen Aspekte, die Wiebicke authentisch beschreibt, sich selbst und seine schmerzenden Füße, seine Ermüdung ebenso wie seine kleinen Begegnungen am Rand, die er nie aus den Augen verliert. Aber all diese Erfahrungen eines ohnmachterfahrenen Landes erzeugen zum Schluss kein Jammern, sondern die Forderung, Demokratie nicht nur aus der (Fernseh-)Zuschauerperspektive zu betrachten, sondern zu leben. Einfach anfangen, mitgestalten. Nicht hinnehmen, sondern verändern, damit man kein „Heimweh ohne Heimat“ bekommt. Und vor allem fordert er, auch vor dem Hintergrund des Populismus in aller Welt, die Schaffung analoger Orte der Begegnung neben digitalen Vernetzungen. Formen der Nähe eines auch urbanen Dorfes.

Ein spannendes Buch deshalb, weil vieles einem so vertraut vorkommt und man automatisch auf den Kirchturm und die leer stehenden Geschäfte seiner eigenen Heimatstadt denkt. Von einem Autor, der es ernst meint, dem man glaubt und der darüber hinaus noch gut erzählen kann.

Jürgen Wiebicke/Kiepenheuer&Witsch/ ISBN: 978-3-462-04950-3/Erschienen am: 13.10.2016
336 Seiten, gebunden ,19,90 €
C Fotos 1/2 & Text : Michael Troesser /Foto 3 Buchumschlag