Das Abendmahl mit Schlange

 

Heilig ist trandy. Verona Feldbusch hat ihren Sohn „San Diego“ eigenmächtig heilig gesprochen, Markenschuhe gibt es zu „himmlischen“ Preisen und eine Hamburger Werbeagentur hat vor drei Jahren eine Kampagne für ein „heiliges Blechle“ (Auto) mit Hilfe abgewandelter Texte aus bekannten Gebeten zu unterstützen versucht: “Im Namen des Vaters, des Sohnes und der eiligen (!) Familie!“  Aufgrund des massiven Einspruchs der evangelischen Kirche musste die Agentur diese verbalen Tabu-Verletzungen zurückziehen. So hat die Medien- und Konsumgesellschaft mit ihrer Pop- und Werbekultur schon lange christliche Symbolik entdeckt und setzt sie für eigene Zwecke zielgenau und erfolreich ein unter dem Motto: das Kreuz ist eines der ältesten Logos und den Slogan „Amen“ kennt auch heute noch jedes – auch nicht religiöse erzogene - Kind. Auch vor der Trevialisierung des Gebetes macht diese Gesellschaft nicht halt. 

Denn in dem Moment, wo uns nichts heiliger ist, als wir uns selbst und die Objekte unseres Alltags („Mein Haus, mein Boot, mein Auto“)  hat das eigentlich Heilige seine ursprünglich religiöse und sinnstiftende Funktion verloren. Der Heiligenschein ist zum Schein-Heiligen mutiert, d.h. zum Geld-Schein, der das ehemals Transzendente, Herausgehobene des Heiligen zu einer trivialen Massenware hat werden lassen, die beliebig vermehrt werden kann – eben zum heiligen Kalb des Mammon.

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Beim täglichen Tanz um dasselbe werden diejenigen besonders „angehimmelt“  und „angebetet“  wie Heilige, die von den Medien vorgeführt und ständig neu wie Lichtgestalten inszeniert werden: z. b.  Sportler, Schauspieler, Politiker oder Musiker– Stars .

So wurde der Trainer Rehhagel wegen eines Ballspiels zum Gott erklärt, Popidol Elvis hat an20160922_181026 seinem 20. Todestag eine „Anbetung“ erfahren, die den mittelalterlichen Heiligenkult weit zu übertreffen scheint und Guildo Horn erklärt vor laufender Kamera, dass er einen Heiligenschein durch „Reinkarnation“ vom Geist des verstorbenen Roy Black erhalten habe. Bereits 1966 hatte John Lennon erklärt: “Die Beatles sind bedeutender als Jesus Christus“ und 1998 stand in der FAZ: “Jesus selbst scheint in Guildo (Horn) zu sprechen“.

Eine derartige „Popreligiosität“ scheint sich neben den tradierten religiösen Deutungsmustern immer stärker zu etablieren. In dieser modernen Unterhaltungskultur ist Gott zu einer diesseitigen Spielfigur, zu einer Art coolem Moderator verkommen. Das Heilige wird in einer solchen Säkularreligion zu einer Inszenierung mit ähnlichem Kick wie ein Videoclip, bei dem die oberflächliche Inhaltsleere, d. h. die Schaulust zum eigentlichen Inhalt wird. Heilig um seiner selbst willen.

Gutes Beispiel hierfür die das umgedichtete "Vater unser". Fußballfans singen dieses trivialisierte christliche Gebet oft als ihre Hymne bei den Spielen ihres Vereins im Stadion:

„SCHALKE unser im himmel, verteidigt werde dein name. dein sieg komme. wie zuhause, so auch auswerts. unseren übligen heim sieg gib uns immer. und gib uns das "ZU 0", so wie wir dir geben die unterstüßung. und nimals vergib denen aus der nähe von DORTMUND. die wie wir denen auch nie vergeben werden. und führe uns stehts ins FINALE. den dein ist der SIEG und die MACHT und die MEISTERSCHAFT in EWIGKEIT / ATTTAKE!!!!“ (Originalzitat inklusive Orthographie aus dem Netz/ http://www.arche-internetz.net/viewtopic.php?t=2155&start=45 Kommentiert von einem jungen Fan im Internet: “Geil! Nicht so langweilig wie das Vater Unser!“

 

Wir begegnen christlichen Symbolen (wie z.B. Heiligen, Engeln) auf Werbeplakaten, wodurch die Produkte unseres Alltags quasi heilig-gesprochen werden. Die Religion ohne oder mit Gott (eigentlich egal) ist zu einer Ästhetik des Sakralen geworden, z.B. in der Werbung für Designer-Bekleidung von Otto Kern, die den Betrachter unweigerlich an die Abendmahlszene von Leonardo da Vinci erinnert.

Allerdings sind an der langen Tafel nicht zwölf Jünger um den Herrn versammelt, sondern elf attraktive, nackte junge Männer. Nur eine ist bekleidet: Die einzige Frau beim Mahl, vielleicht ein weiblicher Judas, oder sollte man besser sagen: Eine Juda als Verräterrin des Eigenlichen, als die Urfrau allen Übels, wie schon Eva aus der Rippe Adams? Sünde verschmolzen mit femininen Eros. Wer bei oder nach diesem Mahl der Verführung nicht widerstehen kann, die Frau den Männern oder die Männer der Frau, bleibt offen. Eines allerdings ist der Geschichte nach sicher: Der barmherzig die Arme ausstreckende Jesus kann sich nicht beteiligen. Er wird gekreuzigt und und verschwindet in der Finsternis des Grabes. Dort ist kein Platz für Verführung und wie es nach der Auferstehung weitergeht, bleibt offen oder ist dann wieder eine andere (biblische) Geschichte. Eines allerdings ist sicher, Otto Kern möchte die nackten Schnittchen mit seiner Kollektion bekleiden. Und dafür ist das Mahl gut genug. Allemal.

So wird Religion von der sinnstiftenden Transzendenz zum inflationären Stimulans des Trivialen: “Piep, piep, piep wir haben uns alle Lieb“. Hipp eben.


C Bilder / Text Michael Troesser