„Es regnet, es regnet, der Targa wird naß“

Autotest 1978 als Kurzgeschichte

 „Peggy, es regnet – hol mal schnell einen Tankwart, damit wir das Dach zumachen können!“ Die so sprach, fuhr einen Porsche Targa und ich dachte, ich höre nicht recht. „Entschuldigen Sie bitte,“ sagte ich mit der mir angeborenen Hemmungslosigkeit im Ansprechen von Damen. “Der Targa ist das modernste Cabriolet der Welt. Da werden Sie das Dach wohl auch alleine zumachen können!“ Die Pilotin der davongeeilten Peggy maß mich mit einem ziemlich verachtungsvollen Blick.“Sie haben offenbar noch keinen gefahren“, sagte sie, und das traf den Nagel auf den Kopf. Immerhin erlaubte sie mir, ihr statt des von Peggy noch nicht herbeigeschafften Tankwarts behilflich zu sein.

Zu tun war folgendes. Nach dem Ziehen des Hauben-Innengriffs muß die vordere Haube geöffnet werden. Im Kofferraum befindet sich die Faltdachverpackungstasche, aus der das zusammengeklappte Faltdach zu entnehmen ist. Nun gilt es, dies Faltdach durch zwei Gelenkstreben zu spannen. Dies gelang weder der Pilotin noch der zierlichen, inzwischen ohne Tankwart zurückgekehrten Peggy. Mir gelang es, ehrlich gesagt, nur, indem ich das Dach auf den – inzwischen von Regentropfen angefeuchteten – Boden aufstützte und mit dem Fuß die Gelenkstreben durchdrückte. Mit der Hand schaffte ich es erstens nicht, und zweitens hatte ich das peinliche Gefühl, mir dabei furchtbar die Finger zu klemmen. Das waren mir Peggy und ihre Pilotin nicht wert.

Weiter in der Gebrauchsanweisung: Das gespannte Faltdach ist mit seinen hinteren Zapfen in die dafür ausgesparten Öffnungen des Dachbügels einzusetzen. Daß man hierfür zwei Leute braucht, steht nicht drin. Die Pilotin – man hat vielleicht schon erraten, daß sie nicht ganz so jung und zierlich war wie Peggy – und ich schafften dies in gemeinsamer Zielübung. Nun fielen die ersten Regentropfen auf das Dach statt in den Wagen. Die Verriegelungsschlüssel sind aus dem Handschuhkasten zu nehmen und in die dafür vorgesehenen Öffnungen oberhalb des der Windschutzscheibe einzuführen. Durch Drehung im angegeben Sinne wird das Dach verriegelt. Vorher mußte ich allerdings noch mit mächtigen Faustschlägen das Dach zum richtigen Einrasten bewegen. Damit erwarb ich mir Peggys Respekt. Das weitere war mehr ein Kinderspiel: Die Druckknöpfe der hinteren Abdeckplane mußten gelöst und die Plane unter der vorderen Haube verstaut werden. Dann brauchte das hintere Plastikfenster lediglich noch hochgezogen, mit Reißverschluss befestigt und durch zwei Hebel flattersicher gespannt zu werden.

Das Auto war zu. Peggy und ihre Pilotin, nun gegen Regen geschützt, enteilten damit dankbar. Ich blieb sinnend zurück. Erinnerte ich mich doch, einmal einen preisgünstigen Sportwagen italienischer Herkunft gefahren zu haben, bei dem das Faltverdeck mit einem Griff, wenn man wollte während der Fahrt, geöffnet und geschlossen werden konnte. Jaja, der Fortschritt, dachte ich, und so reifte in mir der Entschluß, den Targa für auto motor und sport zu fahren“. (Der Text endet mit folgenden Worten“ Das wär´s. Ich hoffe, daß mein Bericht niemanden daran hindern wird, einen Targa zu kaufen. Obern auf – hinten zu: Das ist ein schönes Spiel, man muß nur Sinn dafür haben. Wenn es jemand ganz genau wissen will: Peggy und die Pilotin geben auf Wunsch gerne Auskunft“)

Ob der genervte Autor die zierliche Peggy oder ihre etwas ältere Pilotin wiedergesehen hat und eine große Liebesgeschichte begann, ist nicht bekannt. Denn an dieser Stelle begann nämlich der vergleichsweise nüchterne Testbericht des damals fortschrittlichen Sportwagens. Vielleicht hat aber einer der verehrten Leser oder Leserinnen Lust, die Geschichte weiterzuschreiben, denn wenn sie nicht gestorben sind leben Henry Keller, Peggy und die Pilotin heute noch.

 

(Als Nachfolger des legendären ersten Porsche Sportwagens 356 brachte die Stuttgarter Firma den Porsche 911 heraus, der heute als „Elfer“ weltweit der bekannteste und beliebteste Sportwagen darstellt. Er wurde 1963 auf der internationalen Automobilausstellung in Frankreich als Zweisitzer mit zwei Notsitzen vorgestellt. Er wird in unzähligen Modell (und Motor)Varianten bis heute produziert. Bereits zwei Jahre später gab es die Modellvariante Targa mit einer speziellen Dachkonstruktion. Zwischen dem fest eingebauten Sicherheitsbügel und Frontscheibe befand sich ein herausnehmbares Dachmittelteil, sodass das Coupé in ein Cabriolet verwandelt werden konnte, eine für damalige Zeiten bahn brechende Neuerung (Targa bedeutet übrigens „Schild“) Zwei Jahre später veröffentlichte die damals federführende Autozeitung auto motor und sport den zitierten Testbericht:“Oben ohne: Test Porsche Targa“. Der Beginn dieses Testberichtes von Henry Keller hat literarische Qualitäten und liest sich aus heutiger Sicht wie der Beginn einer Kurzgeschichte oder Romans. )

Textzitat: auto motor und sport 13.Mai 1967 /Bildzitate : ebenda

C Text: Michael Troesser