Als wir zum Surfen noch ans Meer gefahren sind

Wenn Sie nicht wissen, was ein Hashtag ist, einen Nerd für einen Nerz halten, und eine Tinderfrau mit einer Kinderfrau verwechseln, lesen Sie bitte  weiter. Aber auch wenn Sie – andersherum –  eine Wählscheibe für Wahlwerbung oder Vinyl für eine Hautcreme halten. Denn  Boris Hänssler spannt in seinem Buch „Als wir noch zum Surfen ans Meer gefahren sind“  genau diesen Bogen: Vom analogen Surfen im Meer zum digitalen Surfen, von einer Welt voller Gerüche und Gerüchte hin zu einer Welt voller Gerüche und Gerüchte als Nullen und Einsen, durch die das Internet zu einer Hauptschlagader unserer Alltagskultur geworden ist. Von der Haptik zur Virtuellen Realität.

Natürlich kennen wir alle das Gejammer und das Sehnen nach der guten alten Zeit, in der alles besser war, obwohl wir genau dieselben grundlegenden Probleme hatten wie heute. Und manchmal kann man dieses Genöle schon nicht mehr hören, ja macht sich verdächtig als konservativer Muffel durch die Welt zu laufen, wenn man von gestern erzählt.

Boris Hänßler Foto: Melanie Grande

Boris Hänssler gelingt es in seinem Buch anhand vieler Episoden und erlebter Geschichten seiner Kindheit und Jugend den Leser und die Leserin förmlich hineinzuziehen in eine analoge Welt, weil er sie so charmant und mit Wortwirtz erzählt, ohne die konkreten Hintergründe zu vernachlässigen. Aus dem Grund ist es eine Art Roman mit dem Autor als Protagonisten, der aber immer wieder durch konkrete Hintergrundinformationen sachlich gebrochen wird. Und der selbst zugibt, dass dies eben professionelle Jornalisten auszeichnet.

Diese Schilderung von früher und heute, von vor und im digitalen Zeitalter wird von ihm in 16 Kapiteln systematisch, strukturiert und konsequent dargestellt. Ob das der Verkehr ist („Mit dem Wagen durchs Nimmerland“ ), die Medizin („Zum Arzt gehen wir besser, wenn wir TOT sind“), die Musik („A capella im PLATTENLADEN“) oder die Liebe („Die Liebe ist eine Burgruine“), um nur einige Beispiele zu nennen. Diese witzigen Überschriften machen einen neugierig und im Kapitel selbst findet man sich dann tatsächlich in vielen erzählten Geschichten wieder, falls man da schon gelebt hat. Und dabei tauchen sie dann einmal mehr auf, die Geräte der guten alten Zeit, das Telefon oder die Vinylschallplatte, der c64 Computer, die Landkarte im Auto oder der schwere Brockhaus mit seinen 24 Bänden im Gegensatz z.B. zu Smartphone, Navi oder Wikipedia. Da kann man schon ein wenig sentimental werden und wehmütig, als es noch keine Partneragenturen (z.B. Tinder oder Paarschip) im Netz gab, bei denen man heute mit Likes einen potentiellen Partner wie im Kaufhaus aussuchen kann: Größe, Neigung, Haarfarbe „Kinderwunsch“ und vieles mehr kann man mit dem Button anklicken und dann auf die große Liebe warten: “Tinder hat die Suche nach Liebe und Zuneigung zu einem eiskalten Casting degradiert, bei dem wir innerhalb von jeweils einer Viertelsekunde entscheiden müssen, ob sich jemand als Partner eignet oder nicht“. Hässler beschreibt diese Form digitaler Liebe wie alle Kapitel sehr ausführlich und kommt zu dem Schluss:“Man kauft Frauen und Männer ein wie bei amazon“.

Zwar hebt das Buch nicht ständig den Zeigefinger, aber natürlich kann bei diesem Vergleich das Internet nur schwer mithalten. Entsprechend wird facebook zu einem Netz, wo man sich alleine fühlt „obwohl so viele Leute da sind.“ Und natürlich bringen viele kluge Sätze des Autors das Thema auf den Punkt: “Das Netz ist wie ein Kunstmuseum, bei dem ich nicht die gesamte Ausstellung bezahle, sondern nur für jedes einzelne Werk.

Für ihn sind virtuelle Welten „nicht echt. Sie bleiben nicht im Gedächtnis, und deshalb bin ich froh, dass ich andere Erinnerungen habe.“ Er ist Vater von vier Kindern und hat wahrscheinlich die gesamte Bandbreite des Themas täglich und hautnah vor Augen. Allerdings glaube ich, dass auch seine Kinder eines Tages Dinge im Gedächtnis haben werden, auch wenn sie im digitalen Zeitalter aufgewachsen sind. Nur andere eben. Die Zukunft kann und will das Buch natürlich nicht beschreiben. Es will erinnern, unterhalten und nachdenklich machen. All dies gelingt Hässler in einer sehr tiefgründigen, liebevollen  und gleichsam humorvollen Art. Einzig das Cover des Buches, das genau dies mit bunten Buchstaben und Buttons der 70er erreichen will, sieht leider etwas gewollt und eher nach Kinderbuch aus.

Dennoch eine eindeutige Buchempfehlung, nicht nur für all die, die nicht wissen, was Vinyl oder eine Tinderfrau ist.

Boris Hänssler / Als wir zum Surfen noch ans Meer gefahren sind / KIWI / 2016 / 267 Seiten / 9,99 €