Unser bildliches Brot gib uns heute – Macht Fernsehen satt?

Wie in der Kirche mit Brot und Wein stehen die medialen Priester der Lebensmittelsinnlichkeit Tag für Tag hinter ihren Herd-Altären, nehmen die Zutaten, besprechen sie, bereiten und kosten sie, um schließlich die treue Schirm-Gemeinde teilhaben zu lassen am Verzehr – die weihevolle Wandlung einer alltäglichen Selbstverständlichkeit – bis den sehnsüchtig TV-Schauenden allein vom Sehen der Köstlichkeiten der Speichel im Mund zusammenläuft,  obwohl sie sich nicht den Weg vom Bildschirm auf die Zunge machen können.

Wenn mit hochemotionalen „Ähs“ und „Ohs“ die Ästhetik einer Forelle ebenso bewundert wird wie der liebevoll dekorierte Essaltar mit frischem Blumengesteck und ornamental verzierten Platzkarten, wird aus dem perfekten Dinner ein perfektes Kunstwerk. Das Auge isst nicht nur mit, sondern nur das Auge isst. Kochen hat sich aus der Schale der normalen Zubereitung zu einem besonderen Akt der Perfektion, hat sich Kochen zum Kult entwickelt.

Denn solche Messen medialer Gaumenfreuden sind voll im Trend ob als Inszenierung, Show oder Wettbewerb  z.B. mit Tim Mälzer, Christian Rach, Horst Lichter, Johann Lafer, oder dem sympathischen älteren Ehepaar Martina und Moritz im WDR Vorabendprogramm. Aber auch für viele die liebgewonnenen Privatkocher und argwöhnischen Fremdesser beim „Perfekten Dinner“.

Allein an einem Sonntag im Februar haben 11 Fernseh-Kochsendungen ein Millionenpublikum über die Plattform telegener Ausstahlung auf die Wohnzimmersofas gelockt, wo sie als TV-Gläubige andächtig vom Nachkochen und Nachessen träumen konnten.

Doch die Sättigung blieb aus, das Fernsehen konnte den Hunger nicht stillen. Dies wird erst dann klar, wenn man nach einer Woche, in der man drei weitere Kochsendungen angesehen hat, merkt, dass man zwar teilgenommen hat an der Zeremonie der Zubereitung, doch meist nicht einmal eine einfache, vorgebetete Wandlung von Gemüse zur Gourment-Gemüsesuppe vollzogen hat oder noch schlimmer: vollziehen konnte. So bleibt der Hunger nach dem magischen Mahl und das Besuchen der nächsten Koch-Messe ist vorprogrammiert. Und wenn man dann doch einmal erfolgreich nachkocht, ist man alleine mit seinem kleinen Kreis und dem Trendgericht – ohne die Erhabenheit des Medialen, dem Hunger der Millionen lechzenden Augen am Schirm. Es fehlt die elektronisch vervielfachte Bühne eines auf sich selbst gerichteten Publikums. Inzwischen hat sich so das Fernsehen als ursprüngliches Fenster zur Welt zu einem Spiegel des Selbst, dem Zuschauer, gewandelt.

Das gilt auch für Kochsendungen, die so alt sind wie das Fernsehen selbst. Bereits 1953 hat Clemens Wilmenrod in seiner 15Minuten Sendung zu Tisch gebeten und in der DDR  wurden zwischen 1958 und 1983  über 650mal Der Fernsehkoch empfiehlt mit Kurt Drumme  ausgestrahlt.

Vielleicht ist das nicht endenwollende Interesse am Tele-Kochen die Sehnsucht nach der täglichen Mutterbrust, vielleicht ist die Teilhabe an der Tafel der Tausenden eine Überwindung der Einsamkeit am eigenen Essplatz in der Küche. Vielleicht geht es einem aber nur um so wichtige Fragen „Muss man Eier anstechen“,„Wie lange dürfren Spätzle kochen“ oder ob man verdammt nochmal die Nachspeise auch ohne besonders Besteck anbieten kann, darf oder muss.

Wie auch immer. Solange gelebt wird, wird auch gegessen, solange gegessen wird, wird auch gekocht und solange gekocht wird, wird es auch Kochsendungen geben gemäß der Aussage von Apostrel Paulus in I Kor. 15,32:

Lasst und essen und trinken, denn morgen sind wir tot“

C Text und alle Bilder Troesser