Neue Texte 2017

Beste Gesellschaft 2

Wenn am Scheitel das erste Haar ergraut
Und man sich nicht mehr in die Disco traut

Wenn die Lebensuhr sich langsam neigt
Und der Spiegel nur noch Falten zeigt

Wenn man zu lange auf der Parkbank sitzt
Und seinen Lieblingsfilm verschwitzt

Wenn das Handy große Tasten braucht
Und man kaum noch Zigaretten raucht

Wenn man sich mit sich selbst begnügt
Und dabei in die Tasche lügt

Wenn sich die Lust auf den Verzehr beschränkt
Und das Knie sich stets verrenkt

Wenn das Wichtigste man oft vergisst
Und denkt dann ständig: So ein Mist!

Wenn die Hexe in den Rücken schießt
Und Blut zu langsam fließt

Wenn alle das weise Alter loben
Und denken: ist der doch verschroben

Wenn die dritten Zähne täglich drücken
Und es knirscht bei jedem Bücken

Wenn sichtbar schwindet Körperkraft
Und jeder auf den Rollator gafft

Wenn der Druck nicht haltbar ist
Und wieder in die Windel pisst

Wenn man nur noch an das Gestern denkt
Und dem Morgen kaum noch Glauben schenkt

Wenn man zu oft um jeden Friedhof schleicht
Und die Rente kaum noch reicht

Dann mach Dein Kreuz
und denk daran
Du bist in bester Gesellschaft
Mann!

Vollversion

Vollversion
Ich habe
Die Vollversion
Ist geil
Habe sechsundfünfzig
Geschafft

Springen Finger
Mehr Punkte
Filme der
Mikrowelt
Geschafft, geschafft!
Leuchten Augen
Den Sinn
Gefunden

Ich liebe dieses Spiel

Die Wippe

Vergessen von kreischenden Kindern
Schaukelt die greise Wippe
Gelangweilt am Platz
Verlassener Spiele

Ein Quietschen von Ferne
Dumpf rhythmisches Klack
An Vögeln vorbei
Hört man fast nicht

Braucht Öl,
Denkt der alternde Gärtner
kehrt leise raschelnd das Laub

Noch nach Jahren

Die Vögel vergangen
Der Gärtner im Grab
Das Laub lange verwest

Schaukelt die Wippe
Wie ein Uhrwerk am Rad

Läufige Gedanken

Befleckter Engel Scham
Du geheimer Code
Der Sinnlichkeit

Verführe
das Heilige
In mir
Zum Bösen

Schüre das Öl
Der Nähe

Breite
deine Flügel
Über mir aus
Rette meine
läufigen
Gedanken

Lampenfieber

Die Lampe macht ganz ohne Frage
mit ihrer Kraft die Nacht zum Tage

Sie leuchtet so mit ihrem Strahl
in jede Ecke, jeden Saal

Sie sorgt mit ihrem hellen Licht
dass keiner sich die Knochen bricht

Doch hofft sie, dass der Strom sie stößt
und nicht in seinem Drahte döst

Dann wird es dunkel, das Licht ist aus,
man schraubt ihr gar die Birne raus

In diesem Fall das muss man sehen
wird man ganz schön im Dunklen stehen

Doch Leuchten will sie weißgott lieber
die Sorge nennt man Lampenfieber

Körperteile Eigenleben

Körperteile
Fügen sich Nicht

Listig teilt Körper
Eigenleben
Seiner
Artgenosssen
Zerrieben
Zwischen Krankheit
Und Glück

Auf heimlicher Suche
Nach Viren, Bazillen,
Schmerzen
Und Gicht
Mitleid mit
Gefühl
Kennen sie
nicht

Wollen hört
Langsam auf
Das Müssen wird zum
Täglichen Brot
In dem jetzt
Dunkel stinkenden
Körperlauf

Am Ende
Erloschen
Lässt der Sog
in die Erde
Fragen
Wie Schmerzen
Angstvoll zurück

Reiterslust

Quer durch das tiefgrüne Landschaftbild
zieht die treibende Truppe Striche ins Gras
Hochoben erhaben über Kleinvieh und Wild
Wird rhythmisches Vorwärts zum zugigen Spaß

Dem ewigen Reigen des Daseins ergeben
Kotet schneeweißer Schimmel Giftgrünes ins Land
Mit Dampf treibt voran durch den nieselnden Regen
Harmonie wie Musik das schwitzende Band

Mit dem Auf und dem Nieder zum Horizont hin
Wird die Einheit von Weg, Mensch und tierischer Glut
Dem Moment voll ergeben zum einzigen Sinn
Steigt Pulsschlag und menschlicher Mut

Zügellos

Das Pferd sucht den Reiter
Der Reiter das Pferd
Ohne Pferd ist der Reiter
Ohne Reiter das Pferd
Völlig einsam und sinnlos
Das Reiten nichts wert

Doch die heimlichen Träume
Vom Reiter, vom Pferd
Sind alleine zu reiten
Ohne Reiter und Pferd
Doch diese Freiheit des Reitens
Ist dem Reiter verwehrt
Und auch dem Pferd

Fotografien

Selbst
Nimmt man
Die Welt
Nur noch in
Recht
Winkligen
Bildern

Hört Kaum
Das Rascheln der Echse
Das ferne Meer
Riecht nicht
Das Salz
Das hier
Die Luft
Umgibt

Über
Flüssige
Aufenthalte
Durch den
Sucher
Gesuchte
Blicke
Eingefroren
Für die Ewigkeit
In Schubladen
Vergessen
Vergilbt

Ophelia

Während
Ophelia das Schwimmen
Lernt in zu tiefen Gewässern
Den Boden nicht mehr
Berührt

Während
Ophelia das Fliegen
Lernt von der Tiefe
In den Moment
Hinauf

Während
Ophelia das Leben
Lernt mit festem Fuß
Auf zu weichem
Sand

Während
Ophelia das Töten
Lernt und sind es
Nur die ungeliebten
Gefühle

Stehe ich
Wie angeschraubt
Vor Neid
Verdrückt sich
Der Mut

Querdenkender

Verkantet
Im Netzwerk seiner
Möglichkeiten
Verliert der
Quer
Denkende
Gedanke
Die Kraft
Der Ideen

Wie fade
Lichtgestalten
Versuchen
Die Glatten
Gedanken
Welt mit
Macht
Zu
Begreifen

Am Ende
Vergehen beide
Im Nichts

Gute alte Zeit

Wir konnten noch die Fohlen holen
Wir konnten noch die Augen senken
Wir konnten noch die Lämmlein schlachten
Wir konnten noch die Wagen spannen
Wir konnten noch die Kreuze schlagen
Wir konnten noch zu Hause sterben
Wir konnten noch die Hände falten
Wir konnten noch in Stille gehen

Wir kannten keine Bytes und keine Tastatur
Die andere Erdenseite war uns fremd
Wir fühlten einen ruhigen Rausch
Unklimatisiert und ohne Pink
Das unverstellte Auge nähren

Tatort war noch nicht das Glück der Stunde
Noch Biorhythmus und Computerspiel
Das Pendel innen und der große Gott
Bestimmten Arbeit, Zeit und Sinn

Unverlängert trauert das faltige Gesicht
Ihr voll Wehmut hinterher
Bevor das trübes Auge
Sich für immer schließt

Im Heute angekommen war es nicht

Flussfahrt

Flussaufwärts
Quält sich der Kahn
Vorbei an vergilbten Ufern
Zurück zur Wurzel
Am ruhenden Berg

Flussabwärts
Schwimmt das flinke Boot
Zum offenen Meer
Einer ungewissen
Zukunft entgegen

Im Hin und zurück
Im gestern und jetzt
Geben beide
Ihrem wässrigen Dasein
Sinn

Kommafunken

Zwei Stellen
Hinter dem Komma
Sind ihr auf dem Weg
Des Beziehungskriegs
Zu viel

Funken entzündet
Verpuffungen der Diktion
Gegeneinander
Ist der Abend
Gelaufen

Suchen sich beide
Andere Inhalte
Für Kopf und Gefühl
Zum Überleben
Genug

Die Glühbirne

Nacht
Für Nacht
Glüht die Birne
Ihrem dunklen
Ende entgegen

Am morgen
Stößt die Sonne sie
Von dem Sockel ihrer
Strahlenden
Bestimmung

Verdorrt sind die Drähte
Erloschen das Licht
Auf der Halde des gestern
Fiebert sie
Der nächsten Nacht entgegen

Gesperrter Müll

Versperr nicht den Müll
Zu dem gerufen wird
Am Monatsende
Die Altlasten
Der Seelen liegen
Traurig verlebt am Straßenrand

Sehnen vergilbte Lieben
Entzweite Gefühle hängen
Verstorbene Träume
Entkorktes Geheimnis
Verläuft auf der Straße

Klimpernd rollt
Sekundenblech irgendeiner Nacht
Auswurf der Geschichte
Stinkt durch die Gasse
Versperrt ungewollt
Die Sicht

Auf gelochtem Sessel
Federt sich springend
Geziefer erfreut sich
Bis der Geruch des
Mächtigen Diesels
Erlösung verspricht

 

Der ferne Krieg

Der ferne Krieg
Berührt nicht den Kopf
Geschweige denn
Das Mitgefühl

Abend für Abend
Prallt das Blut
Ungehört an der
Mattscheibe ab
So lässt es sich
Gut schlafen
Und vergessen
Immerzu

Modalverderben

Im Niemandsland
Zwischen Wollen und Müssen
Strudelt das Möchten
Hilflos zum Können
Bis das Dürfen für das Brauchen
Das Fenster zum Sollen öffnet

Nullen und Einsen

Die digitale Null
Die digitale Eins
Zaubern unsichtbar
Bewegung in Welt
Unbemerkt
Sind sie nicht

Keine Chance

Wie viele vergessene Töne
Hatten keine Chance
Ein Lied zu werden
Vergeblich warten sie auf die Note
Die in ihnen eine Melodie erweckt

Wie viele vergessene Worte
Hatten keine Chance
Ein Text zu werden
Vergeblich warten sie auf den Dichter
Der in ihnen Poesie erweckt

Wie viele vergessene Bilder
Hatten keine Chance
Ein Bild zu werden
Vergeblich warten sie auf den Künstler
Der auf ihnen Farbe erweckt

Wie viele vergessene Träume
Hatten keine Chance
Ein Traum zu werden
Vergeblich warten sie auf den Moment
Der in ihnen  Erfüllung erweckt

Wie viele vergessene Menschen
Hatten keine Chance
Geliebt zu werden
Vergeblich warten sie auf den Tag
Der in ihnen Liebe erweckt

Genug

Welche Scheu hast du vor deinem Leben
Welche Angst vor deinem Tod

War dir das Leben nicht Leben genug
War dir deine Liebe nicht Liebe genug 
Waren dir deine Träume nicht Traum genug
Waren dir deine Wünsche nicht Wunsch genug

War dir dein Streit nicht Streit genug
War dir dein Schmerz nicht Schmerz genug
Waren dir deine Fehler nicht Fehler genug
Waren dir deine Krankheiten nicht krank genug

Welche Scheu hast du also vor deinem Leben
Welche Angst also vor deinem Tod

Wer, wenn nicht du

Wer, wenn nicht Du
Bleibst alleine Dir treu
Auch wenn die Welt
Dir alle Wünsche stehlen will

Wer, wenn nicht Du
Nimmst Dein Leben in die Pflicht
Führst es die Wege
Deiner unbekannten Zukunft

Wer, wenn nicht Du
Schickst Deinen Geist auf die Reise
Zum Horizont Deines Denkens
Zur Gehirnwand und zurück

Wer, wenn nicht Du
Bist der Gewinner und Verlierer
Eines wundersamen Spiels
Das Leben heißt

Für wen

Für wen lebst Du
Wenn nicht für Dich
Für wen träumst Du
Wenn nicht für Dich

Für wen lügst Du
Wenn nicht für Dich
Für wen stirbst Du
Wenn nicht für Dich

Kein anderer dringt
In Dein Innerstes ein
Kein anderer versteht
Den tiefsten Sinn
Deines Seins

Wo immer Du auch stehst

Wessen Lied Du auch singst
Wohin Du auch siehst

Welche Hoffnungen Du auch pflegst
Welche Opfer Du auch bringst
Welche Lösungen Du auch suchst
Welche Menschen Du auch liebst

Welche Flüge Du auch buchst
Welche Gaben Du auch gibst
Welche Eide Du auch schwörst
Welche Kinder Du auch zeugst

Welche Herzen Du auch brichst
Welche Tode Du auch stirbst
Welche Wünsche Du auch wünscht
Welche Kleider Du auch trägst

Vor wem Du Dich auch verbeugst

Am Ende entlässt Dich Dein Leben
Verblassen Deine Spuren
Lassen Wünsche, Träume und Taten
Erfüllt wie unerfüllt zurück

Schmale Zeit

Auf der schmalen Zeit
Zwischen Leben und Tod
Schaffen sich Momente wie Träume
Unbändig Raum

Augenblicke von kurzer Dauer
Spielen eine eigene Melodie
Paart sich Trauer mit Glück

Auf der schmalen Zeit
Zwischen Leben und Tod
Schaffen sich Momente wie Träume
Unbändig Raum

Der glückliche Wunsch

Auf dem Weg zum Erfolg
Verliert der Wunsch sein Motiv

Verführt von mutigen Begleitern
Lässt er den Wünschenden trostlos zurück

Auch ohne Erfolg
Empfindet der Wunsch
Diesen Ausflug
Als Glück

 

 C Alle Texte und Bild Der Kurat/Michael Troesser