Über Schreiben schreiben

Ach Heine

Ach Heine
Du Rebell meiner Jugend
Du Gewitter meiner trabenden Kraft
Wohin deine Worte
Wohin deine scharfe Zunge
Wohin dein lieblicher Gesang

Abgeschliffen unter Stempeln
Beamte in Spiegelhäusern
Hoch über der Düssel
Hören dich nicht
Nur unten, tief unten
Brodelst du weiter
Wortspuren
Deiner Matratzengruft
Vergilben beim
Vergessen
Nicht

Ach Heine
Du mein Begleiter
In mir bist du lebendig
Deine Spur bleibt
Bis zum Ende

 

Ewig gültig

Das Hier und Jetzt
Das Vergängliche
Ist dem Dichter
Nur das Gleichnis
Eines ewig gültigen

Schreibwurzel

Die Wurzel des Schreibens
Rettungsplanke
Im Meer verworrener
Sinnlosigkeit

Einmal ergriffen
Entfalten sich Worte
Selbstbestimmt
Aus Dir

Über sie als Brücke
Wandelst du heiter
Zum Ufer kurzer
Selbstzufriedenheit

 

Schaffensdrang

Kompensation
Selbstverwirklichung
Wiederholungszwang
Wo ist der Unterschied

Für den Schaffenden
Nichts weiter als der Moment
Immerwährender
Selbstentäußerung

Kurz vor dem Sprung in den Text
Hält ihn kein Zweifel
Nur der Drang nach Bleibendem
Vor dem Abflug auf das leere Blatt

Unwiderstehlich

Wie müßig
Das tausendfach Gedachte
Noch einmal zu schreiben
Wie unwiderstehlich der Drang

Wie müßig
Das tausendfach Geliebte
Noch einmal zu lieben
Wie unwiderstehlich der Drang

Wie müßig
Das tausendfach Geträumte
Noch einmal zu träumen
Wie unwiderstehlich der Drang

Wie müßig
Das tausendfach Gelebte
Noch einmal zu leben
Wie unwiderstehlich der Drang

Einsamer Zauber

Im bunten Kreis
Der Gleichgesinnten
Tauchen Seelen ab
Zu den Rätseln
Trächtiger

Worthammer &; Meißeln aus Tiefen
Buchstaben ans Licht
Für einen kurzen unsichtbaren Moment ihres Seins

Andersdenkend  ; Hüpft Meinung
Schleicht Psyche leise
Unter die Häute
Des Gegenübers

Betroffene Momente
Sprechen Blicke eine
Eigene Sprachen
Verhallen gefochtene Worte
Im halbdunklen Raum

Wie ein Liebesspiel
Umgarnt das Gedicht
Unsere scheuen Versuche
Lässt uns einsam verzaubert zurück
(Für Stefan Dehnhardt † / Lyrikgruppe 1998)

Stille Begleiter

Geschriebene
Erinnerungen
Sind die stillen ständigen
Begleiter

Wie alte Freunde
Holen sie einen
In die Gegenwart
Der Vergangenheit
Zurück

Geschriebene
Erinnerungen
Fesseln die Zeit
Für das Jetzt
Der Gefühle
Zum Morgen

Reimen

Langeweile
Gibt es nicht
mach in der Zeit
Doch ein Gedicht

Fehlt dir die Kraft
Die großes schafft
Dann bleib beim Kleinen
Und beginne
Zu reimen

Dichterfrust

Die Mutter wiegt
Der Faule fliegt
Der Kluge siegt
Der Schläfer liegt

Die Liebe lockt
Das Kleinkind bockt
Der Rocker zockt
Der Zocker rockt

Die Erde bebt
Die Liebe lebt
Der Streber strebt
Die Stimmung hebt

Der Feiztanz feizt
Das Fremde reizt
Die Heizung heizt
Der Geizhals geizt

Die Rose rankt
Der Bruder zankt
Der Tankwart tankt
Der Schwanker wankt

Der Wecker tickt
Das Leibchen zwickt
Das Pärchen fickt
Der Pinscher zickt

Die Lust erlischt
Die Ehe bricht
Der Kessel zischt
Der Fischer fischt

Die Quelle quillt
Die Mutter stillt
Der Mörder killt
Der Müde chillt

Der Bauer sät
Das Schnitzel brät
Der Magen bläht
Der Doktor rät

Der Eismann bringt
Der Ringer ringt
Der Vogel singt
Die Bude stinkt

Die Latte steht
Die Zeit vergeht
Der Frust entsteht
Die Liebe geht

Der Kugel knallt
Der Knall verhallt
Die Alte krallt
Der Trinker lallt

Der Eismann bringt
Der Ringer ringt
Der Vogel singt
Die Bude stinkt

Der Autor schreibt
Der Letzte bleibt
Die Reibe reibt
Das Leibchen leibt

Der Klebstoff leimt
Die Blüte keimt
Der Schleimer schleimt
Der Dichter reimt

Doch letztlich fragt der Dichter sich
Was mache eigentlich denn ich?
Nur aus lauter Langeweile
Schreib ich die gereimte Zeile?