Die mit dem Stift tanzt: Johanna Hansen

Das, was die Malerin und Schriftstellerin Johanna Hansen mitten in Düsseldorf im zweiten Stock  eines eher unspektakulären Hauses in den Jahren aufgebaut hat, ist einzigartig. Sie hat jeder ihrer kreativen Ausdrucksformen einen eigenen Raum geschaffen, eine Wohnung für das Bild, die daneben liegende Wohnung für das Wort – wobei eine Zwischentüre gegenseitige Transmissionen ermöglicht. 

Denn ihr großes, kaum möbliertes Atelier kann sie auch für Lesungen mit bis zu 50 Gästen nutzen und in den liebevoll und stilvoll eingerichteten Zimmern kann man an den dunkelroten und blauen Wänden ihre Bilder in Ruhe betrachten oder sich von Texten verwöhnen lassen. Wer in dem hellen Atelierraum allerdings Staffeleien mit Farbresten und herumstehende Leinwände erwartet, liegt falsch. Denn für ihre Bilder benötigt sie nicht mehr als zwei Tische, auf denen sie mit ihrer wertvollen Tusche und Farbe die leeren Blätter zu einem farbenfrohen und formenreichen Leben erweckt: Bilder mit expressiven, dann wieder zarten Farben, viel Rot, oft Lila meist auf einem weißem Hintergrund, auf dem Farbverläufe sich zu angedeuteten Formen entwickeln, die sich dann wieder abstrakt auflösen, oft auch mit textuellen Elemente in Mittel-, und Großformaten. Bilder, die jeden Betrachter auf eine eigene Reise der Interpretation schicken und ihn so zum Teil des Kunstwerks werden lassen. 

Der große Raum könnte aber ebenso ein Tanzsaal sein, denn Johanna Hansen wollte schon als Kind in Kalkar am Niederrhein, wo sie mit drei Geschwistern aufwuchs, Choreografin werden. Daneben schrieb und malte sie schon früh mit ihren Stiften auf Wände, Kleidung oder auf Hände und immer, wenn sie ein Kinderlied hörte, deren gesamte Texte sie bis heute kennt, sah sie die Geschichte in fantasievollen, deutlichen Bildern.  Diese Freude am Tanz und die kreative Nutzung des Stiftes sind bis heute geblieben, „nur dass ich heute mit dem Stift  tanze“ sagt die Künstlerin mit verschmitztem Lächeln: „Und noch heute höre ich die Bilder und sehe die Texte wie Bilder“.  

Nach dem Abitur studierte sie in Bonn Germanistik und Philosophie. Seitdem stand der Stift als Schreibgerät für viele Jahre bei ihr im Mittelpunkt. Sie lebte drei Jahre in der Schweiz und wurde nicht Lehrerin, wie ursprünglich geplant, sondern arbeitete als freie Journalistin und Sprachlehrerin. Bis es 1991 zu einem wichtigen Schlüsselerlebnis und Wendepunkt in ihrem Leben kam: Sie entdeckte einen alten Aquarellkasten. Um die miteinander vermischten Farben besser zu erkennen, hielt sie den Kasten unter fließendes Wasser und war davon faszinieret, wie wunderbar sich die Farben „bewegten“. Ähnlich der Bilder, die sie bis heute mag und malt. So wurde aus einer studierten Germanistin eine Malerin und Künstlerin, die niemals eine Kunstakademie besuchte und sich dennoch 1993 traute,  eigene Bilder für die Große Kunstausstellung NRW in Düsseldorf einzureichen, die tatsächlich angenommen und ausgestellt wurden. Seitdem entwickelte sie sich permanent autodidaktisch weiter, fand immer mehr ihren eigenen Stil der Verläufe, Formen und Farben. Bis heute hat sie ihre zum Bild zerflossene Farb-Phantasie in über 50 Einzel- und Gruppenausstellungen einem begeisterten Publikum zeigen können, das immer wieder angetan ist von der Leichtigkeit der Farben und dem Geheimnis der dadurch entstandenen Formen. 

https://www.johannahansen.de/Vita/Austellungen/ 

Ein zweites Schlüsselerlebnis machte den Stift einmal mehr zum Schreibgerät. Als eines ihrer Bilder mit stark textuellen Elementen im Kölner Stadtanzeiger veröffentlicht wurde, schrieb ein Journalist, den sie bis heute nicht kennt: “Die Dichterin Johanna Hansen“. Ein folgenreicher, wunderbarer Zufall, denn nun konnte sich auch die Seite wieder in ihr entfalten, die so lange durch die andere Seite des Stiftes verborgen blieb und nur manchmal auf ihren Bildern einen eher zweitrangigen Ausdruck bekam: Das Wort, der Text, die Prosa, vor allem aber die Lyrik. Diese zweite Wohnung mit „Rotem und Blauem Salon“ mutet in der Tat an wie die klassischen Salons in den letzten Jahrhunderten, in denen nun ausdrucksstarke Texte und Gedichte entstehen, die sie u.a. in der WORTSCHAU veröffentlicht, deren Mitherausgeberin und Redakteurin sie zusammen mit Wolfgang Allinger ist. In dieser dreimal im Jahr erscheinenden Literaturzeitschrift, die es immerhin bis in die Bibliotheken großer Universitäten gebracht hat, wird zeitgenössischen Autoren Raum gegeben, Ihre Bilder und Texte zu veröffentlichen.  

http://www.wortschau.com/ 

Das Leuchten in Ihren Augen allerdings entsteht am Ende dadurch, dass sie 2018 mit einem Gedicht aufgenommen worden ist in das von Christoph Buchwald seit 1979 herausgegebene »Jahrbuch der Lyrik« , die wichtigste Lyrik-Anthologie deutscher, österreichischer und schweizer Texte. Über fünftausend Künstler und Künstlerinnen bewerben sich in jedem Jahr mit eingereichten Texten, um in den illusteren Kreis der 150 Lyriker aufgenommen und veröffentlicht zu werden: „Für eine Dichterin wie ein Lottogewinn von dem viele Künstler träumen“ sagt sie und dies ist sicher eines der eindrucksvollsten Erfolge ihrer jahrelangen Arbeit und Ausdruck Ihrer außerordentlichen Schaffenskraft. 

 Allerdings wäre Johanna Hansen nicht Johanna Hansen, wenn sie nicht auch noch weitere Ausdrucksformen suchen, ausprobieren und zu ihrem kreativen Gut machen würde, nämlich den Film. In diesen kurzen, aber intensiven Videos kumulieren Wort und Bild zum Bewegtbild, so in den Streifen „Blau“, „Verführung“ oder Heinrich Heine“. Übrigens oft begleitet von Kontasax, einem exzellenten Musikduo zweier Frauen, die Film und gemeinsame Auftritte zu einem Gesamtkunstwerk für Augen und Ohren machen.                                                   

Ein wirklich langer und manchmal steiniger, oft aber auch bewunderter und erfolgreicher Weg, der sicher noch lange nicht zu Ende ist, aber der dazu geführt hat, dass man eine Frau erlebt, die ganz bei sich angekommen zu sein scheint. Was kann es Schöneres geben? 

https://www.johannahansen.de/video/     www.youtube.com/results?search_query=kontrasax+johanna+hansen 

„Pariser Skizzenbuch“
Die Filmaufnahmen zum Video „Pariser Skizzenbuch“ entstanden im Januar/Februar 2018 während eines Aufenthaltes in der Cité Internationale des Arts in Paris. 
Im Herbst wurde der Film nun fertiggestellt. Er ist das neuste Ergebnis der Zusammenarbeit zwischen Johanna Hansen und Elena Hill.

https://youtu.be/ZiHlyOGHQeg

C Text Michael Troesser / c Bilder Johanna Hansen